
Wir haben in den vergangenen zwei Doppelstunden Gedichte von Heinrich Heine, Ingeborg Bachmann, Georg Trakl und Mascha Kaléko besprochen - und uns anschließend angesehen, wie Regisseur Ralf Schmerberg in seinem Filmprojekt POEM damit umgegangen ist.
Der Werbetext auf der offiziellen Website lautet:
Gedichte haben die Macht zu beflügeln, verfügen über die Magie der Begeisterung und die Stärke der Wahrheit. POEM ist ein Film, der diese Kraft aufgreift und erlebbar macht.
Meret Becker, Luise Rainer, Klaus Maria Brandauer, Jürgen Vogel, David Bennent u.v.a.m. standen für Ralf Schmerbergs Spielfilmprojekt vor der Kamera.
In magischen Bildern verfilmte Regisseur Ralf Schmerberg 19 Gedichte deutschsprachiger Lyriker wie Hermann Hesse, Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Georg Trakl und Heiner Müller - um nur einige zu nennen. Gedreht wurde am Strand von Rio, am Fuße des Himalaya, in Island, zu den Osterprozessionen in Spanien und auch in Berlin.
POEM ist eine emotionale Reise durch die Stationen des menschlichen Daseins: Liebe und Freundschaft, das Leid der Veränderung, die Angst vor dem Schicksal und die Freude am Leben.
Falls Sie diese Seite nicht öffnen können (weil etwa der aktuelle Flash-Player nicht installiert ist), dann macht das nichts, denn man hört dort ohnehin nur eine Endlosschleife mit Gesäuselmusik und spärliche, aber hübsch designte Information.
Wertvoller als die Homepage der offiziellen Seite ist die Word-Datei, die man sich auf der Presse-Seite herunterladen kann - dort sind nämlich nicht nur die Namen der Sprecher und Schauspieler aufgeführt, sondern auch die kompletten Texte der verwendeten Gedichte. Hier:
> Presseheft (doc) zum Download
Zu POEM gibt es eine ganze Reihe von Rezensionen. Stellvertretend sei ein Teil von Julian Hanichs Kritik "Clips ohne Klammer" im Tagesspiegel vom 9.2.2003 zitiert:
Schmerberg, der Videoclip-Regisseur, ist über die kurze Form nicht hinausgekommen. Sein Film besteht aus 19 Poesieclips, die durch keine Klammer zusammengehalten werden. Immerhin lassen sich vier Strategien erkennen, wie Schmerberg mit der Poesie verfährt. Mal versucht er das Gedicht zu interpretieren. Mal verwickelt er den Text in eine Handlung. Ein andermal sucht er nach bildlichen Analogien zur Stimmung der Strophen. Oder er lässt das Gedicht und die Bebilderung als Kontrast aufeinander prallen.
Der Regisseur weiß selbst, dass nicht alle Teile gleich gut sind. Für manche Episoden möchte man ihm eine runterhauen: für den Ethnokitsch, den Schwulst, die Vergewaltigung der Sprache durch die Penetration der Bilder. Andere sind so packend, dass man beinahe zu atmen vergisst: wenn Brandauers Gesicht bei der Rezitation von Heines „Schiffbrüchigem“ zu einer schwarzweißen Faltenlandschaft wird; wenn zu Versen von Heiner Müller ein Raum voller Brautkleider in Flammen aufgeht; wenn er im Stil von Ulrich Seidl Blicke in deutsche Spießerschlafzimmer wirft und dazu Kästners Refrain erklingt: „Und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit“. Schmerbergs Produktionsfirma heißt übrigens Trigger Happy. Übersetzt bedeutet das soviel wie: schießwütig. Wer schnell zieht, bei dem geht schon mal was nach hinten los. Andererseits: Unter vielen Schüssen trifft manchmal auch einer ins Schwarze.
In diesem Zusammenhang auch interessant: Der Artikel "An eine Userin" über andere Gedichtverfilmungen, vor allem auf YouTube, der in der Süddeutschen Zeitung am 11.9.2007 erschien:
Wenn bei zeitgenössischer Lyrik die Einschaltquote gemessen würde, läge ein Werk mit mehr als 400000 Lesern wohl mit weitem Abstand an der Spitze: Das Gedicht "Forgetfulness" des Amerikaners Billy Collins hat das Publikum nicht über eine der meist nur in dreistelliger Auflagenhöhe angesiedelten Lyrikpublikationen erreicht, sondern durch einen Trickfilm beim Internetvideo-Portal YouTube, in dem der Autor sein Gedicht rezitiert.
Verfilmte Gedichte, "animated poetry", sind wohl kaum das nächste große Ding im Netz, zeigen aber, dass im Internet für jeden Geschmack etwas dabei ist - wenn man Zeit zum Suchen hat.
Neben "Forgetfulness" sind in dem Online-Artikel auch noch weitere Video-Clips verlinkt, aber - damit Sie's nicht vergessen ;-) - hier: "Forgetfulness".
Zu guter Letzt möchte ich festhalten, dass sich in der heutigen Sitzung sechs Teams gebildet haben (von zwei bis fünf Personen), die in der Zeit bis zu den Osterferien selbst ein Gedicht verfilmen werden.
1 Kommentare:
Nach den kurzen Kommentaren hier und der Diskussion im "Lehrerzimmer" möchte ich ein paar Beispiele der "Verfilmung" oder Umsetzung-plus-Bild von Grönemeyers "Bochum" vorführen.
Zugegeben, der Text ist flach, das Ding ist ein Song, kein Gedicht; es muss gesungen werden, am besten in Bochum.
Dann kann man schauen, welche Art von Umsetzung-plus-Bild am besten ist. Es ist jedenfalls nicht nicht die Paraphrase.
Gedichte im Film festzuhalten ist weitaus schwieriger, weil der Text komplexer ist: oft sogar unmöglich, behaupte ich (Goethe: Prometheus - das kann nur auf eine hilflose Paraphrase hinauslaufen!)
Herbert Grönemeyer: Bochum (1984)
Das Ding ist ein Song (Lied), nicht Gedicht; der Text wird als „Songtext“ präsentiert - der pure Text ist blass, ist eher etwas für Bochumer, um sich mit ihrer „kümmerlichen“ Stadt zu identifizieren:
http://www.letzte-version.de/songbuch/4630-bochum/bochum/
Dazu gibt es bei youtube eine Reihe von Filmen; im Vergleich der fünf Filme kann man beurteilen, a) ob die Verfilmung (?) eines Songs etwas bringt - bei den letzten beiden Beispielen nicht, finde ich; b) welche Art Verfilmung am besten ist - die mittlere der ersten drei, finde ich.
http://www.youtube.com/watch?v=iOqVLirG32U (Bild-Paraphrase, wie bei rip)
http://www.youtube.com/watch?v=FN8fYSNSlt4&feature=related (starke Inszenierung)
http://www.youtube.com/watch?v=d-3uOhFh9Vk&feature=related (Masseninszenierung: schwach)
http://www.youtube.com/watch?v=Yvu44pubuZ0&feature=related (Lied im Konzert)
http://www.youtube.com/watch?v=wRfPgemMJQA&feature=related (noch ein Konzertlied, schwach: Amateurvideo)
Gruß an den Kollegen rip und seinen Mädchenschwarm!
Norbert Tholen
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