Wir schreiben das Jahr 2010. Es ist Sommer. Doch dieser Sommer ist nicht wie die Anderen. Er ist außergewöhnlich. So wie jeder vierte Sommer.
Die Menschheit droht wieder einmal zu verblöden. Der Wortschatz schrumpft auf ein langgezogenes lautstarkes ahhhhhh bzw. ohhhhhh, vereinzelt bringen manche auch noch ein öhhhhhh zustande. Der Geschmackssinn wandelt von „normal“ bis „erträglich“ hin zu „einfach grausam“.
Autos werden flügelartige Fahnen verpasst, was zur Folge hat, dass sie aussehen wie gesteifte Zugvögel. Arbeitgeber klagen über den nun seit knapp 3 Wochen stetig ansteigenden Alkoholspiegel und die Gerichte kommen mit Scheidungen von internationalen Paaren nicht hinterher. HNO-Ärzte werden wegen Überbelastung in die überfüllten Krankenhäuser gebracht, da die Rate der an Tinnitus erkrankten Patienten exponentiell angestiegen ist. Diese Entwicklung, meinen Forscher, ist diesen Sommer neu zu beobachten.
Politiker bangen um die Sicherheit Deutschlands und haben den Notstand ausgerufen. Sie ließen um ihr Land eine weiße Linie ziehen, um somit verärgerte Engländer zu warnen, nicht zu weit in den deutschen Strafraum vorzudringen.
Deutschland wappnet sich derzeit auch für einen unvergesslichen Krieg gegen Argentinien. Alte Panzer und Kanonen werden bereits ausgegraben und neu aufpoliert. Die Munitionen, bestehend aus aufgepumpten Kugeln, die aus ledernen Sechsecken mühevoll zusammengenäht wurden, werden bereits zusammengetragen.
Durch die Verhängnisvollen Fehlentscheidungen der grellgelben kleinen Männlein ist eine Diskussion um den Chip entfacht. Chap, Samson und die anderen Ritter des Rechts werden hierbei aber völlig vernachlässigt.
Und doch ist das Ziel vor Augen: Am 11. 07. 2010 wird die Menschheit schlagartig wieder zur Normalität zurückfinden. Der Grund für diese Ausschreitungen ist weitgehend unbekannt.
Wissenschaftler gaben diesem Phänomen den Namen „WM-Fieber“.
Dienstag, 29. Juni 2010
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
3 Kommentare:
Janina, echt cool! Das Thema, das du gewählt hast ist super, weil ja wirklich eine Hysterie mit der WM ausgebrochen ist. Schon deinen Anfang find ich sehr gut. Durch die kurzen Sätze, wird zuerst die Situation geschildert, in der wir uns befinden. Außerdem finde ich deine Anspielung auf die Fahnen an den Autos sehr witzig. Sie mit Zugvögeln zu vergleichen ist wirklich sehr erfinderisch und kreativ. Neben diesen Vergleich hast du noch einige tolle Ähnliche eingebaut, z. B. den Vergleich der Kanonenkugeln mit den Fußbällen. Bei dieser Passage habe ich beim Lesen wirklich lachen müssen. Und natürlich ist dein Schluss auch echt gelungen. Die Hysterie um die WM als Phänomen dazustellen, das erst betitelt werden muss. Diese Gedankengänge müssen erst mal entstehen! Im Großen und Ganzen hast du die Glosse sehr gut und kreativ geschrieben und die Ironie ist keinesfalls zu kurz gekommen.
Meiner Meinung nach ist dir deine Glosse wirklich gut gelungen.
Zu Beginn erläuterst du noch einmal kurz die Ausgangslage,nennst ettliche Beispiele und bringst schließlich deine Kritik mit immer länger werdenden Sätzen auf den Punkt.
Besonders gut finde ich das "Wortschatz-Exempell".Du verstärkst deine Abneigung gegen Kommentare primitiver Fans, die zur Zeit wirklich nichts anderes außer drei bis vier veschiedene Ausdrücke im Kopf haben, mit der Alliteration "..langgezogenes lautstarkes..", die durch die langgliedrig gewählten Wörter direkt ins Auge sticht. Weiterhin verdeutlichst du die Ausmaße der WM, die sich mittlerweile tatsächlich auch auf unsere Essensgewohnheiten auswirken, mit einer Klimax, bei der du dich von "normal" bis "erträglich" hin zu "einfach grausam" steigerst.Am besten finde ich jedoch, dass du die Hysterie um das kommende Spiel gegen Argentinien sogar mit einem Krieg vergleichst. Hier führt kein Weg daran vorbei, um zu sehen, wie lächerlich du den Aufruhr um dieses Ereignis findest. Doch auch zum Schluss machst du den Leser nochmal darauf aufmerksam, dass die Hysterie, die momentan nicht nur Deutschland bestimmt, nur kurzzeitig anhalten und dann schlagartig zurückgehen wird, eben wie ein "Fieber".
Alles in allem hat man Spaß dabei, diese Glosse zu lesen, da du deine in Ironie gepackten Kritikpunkte dem Leser gekonnt vermittelst.
Liebe Janina,
deine Glosse ist wirklich angenehm amüsant geworden. So wird der Leser bereits mit dem Titel an das Thema herangeführt, was für ihn wichtig ist, um einen ersten Eindruck zu erhalten. Diese Hommage an Deutschlands Sommermärchen erweckt zudem das Interesse des Lesers. Anschließend drückst du die Hysterie um die Fußball-WM gekonnt mit passenden ironischen Elementen aus. Dabei finde ich die "Schutzmaßnahmen", die Deutschland in deinem Text durchführt am witzigsten, da hier noch einmal aus einem neuen Blickwinkel an das Thema Fußball herangeführt wird.
Es ist wirklich erfrischend, die Meinung aus der Fan-Opposition verpackt in eine Glosse zu hören.
Dies lässt erahnen, dass das Verhalten der Fußballfans, das du berschreibst, keinesfalls als normal erachtet wird und trotz allem Fandasein und Mitfiebern auf Widerspruch stößt.
Ein wirklich kreativer kritischer Text!
Kommentar veröffentlichen