
Zu 1: Innere Emigration:
"Lieber überleben, lieber noch da sein, weiter arbeiten, wenn erst der Spuk vorüber war."
(Marie Luise Kaschnitz, 1901- 1974)
Begriff:
- 1933 von dem Schriftsteller Frank Thieß geprägt
- Beschreibt die literarische Situation für diejenigen Autoren, die im NS-Reich blieben, die Veröffentlichungen einstellten (oder mussten) und sich politikfernen Themen widmeten
- Viele Schriftsteller empfanden die "innere Emigration" als einen "Rückzug ins Schweigen", in die "Innerlichkeit", in eine politikferne Sphäre. Das NS-Regime wurde allenfalls versteckt kritisiert.

Merkmale der "inneren Emigration":
- Nahm in der Weimarer Republik ihren Anfang und bestand in der Nachkriegszeit fort
- Elemente der traditionellen Formsprache
- Hauptthema: isoliertes Ich und sein Verhältnis zur Religion, magischer Natur und Mystik
--> Abwendung von Politik
- Vorliebe für hermetische Bilderwelten: Realität verschlüsselt in Metaphern und Chiffren
- Verwendung von historischen Romanen, um Kritik an Gegenwart üben zu können
--> Geheime Botschaften zum Schutz vor der Zensur (Andeutungen werden von eingeweihten Lesern verstanden)
Beispiel: Gottfried Benn, Einsamer nie. Gedicht der inneren Emigration.
Einsamer nie
Einsamer nie als im August:
Erfüllungsstunde -, im Gelände
die roten und die goldenen Brände,
doch wo ist deiner Gärten Lust?
Die Seen hell, die Himmel weich,
die Äcker rein und glänzen leise,
doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
aus dem von dir vertretenen Reich?
Wo alles sich durch Glück beweist
und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
im Weingeruch, im Rausch der Dinge, -:
dienst du dem Gegenglück, dem Geist.
1. Inhalt und Aufbau:
- Verhältnis des lyrischen Ichs zur Realität im Sinne der Natur; antithesische Gegenübergestellung
- Strophe 1 und 2: selbstkritische, selbstreflexive Fragen;
- Strophe 3: selbstbewusste Antworten
- das Ich fühlt sich einsam, einsamer als sonst, und wird als von der Welt entfremdet und ausgeschlossen dargestellt; diese Entfremdung ist gleichzeitig auch der Grund für die Einsamkeit
- das Ich, der eigenen Ausgeschlossenheit bewusst, findet das gesuchte Glück im Dienst am Geist (Gegenglück), womit es versucht, die gefühlte Einsamkeit zu kompensieren
2. Form und Sprache:
- Drei Strophen zu je vier Versen
- Vierhebiger Trochäus mit wenigen Ausnahmen (z. B. "Einsamer" in V. 1)
- Umarmender Reim (abba)
- Alliterationen (V. 7 Sieg -Siegsbeweise, V. 12 Gegenglück - Geist)
- Parallelismus (V. 5f Die Seen hell, die Himmel weich, die Äcker rein)
- Enjambement (V. 2f im Gelände - die roten und die goldenen Brände)
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Beitrag von CF/JG
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