Literatur in der Weimarer Republik (1919-33): Der Roman
1. Entstehung des Romans
· Ursprünglich unterhaltende Gattung
-> erfundene Handlungen dienten zur Unterhaltung
· triviale Literatur, oft mit Abenteuer, Schauereffekten oder höfischen Beschreibungen wird zur literarischen Gattung, die die Auseinandersetzung des „Ich“ mit der Welt vorführt
-> Aufnahme zeitgenössischer philosophischer, wissenschaftlicher und pädagogischer Gedanken
-> verschiedene Erzähltechniken
· Abenteuer-, Entwicklungs-, Bildungs- und Zeitromane als literarische Gattung
· Durch vielfältige Handlungen, wechselnde Perspektiven und realistische Darstellungen soll die Spiegelung der Welt (= erfahrbare Wirklichkeit) dargestellt werden
· 19. Jh.: Frankreich, England, Russland, Skandinavien verwenden neue Lebensbereiche im Roman -> Geschichten aus Bürgertum, Industriestädten, von verarmten Bauern, Fischern und Intellektuellen werden zum Inhalt romanhafter Gestaltungen
· Deutschland: bürgerlicher Entwicklungs- und Bildungsroman
-> zeigt Entwicklung des gebildeten Menschen durch Begegnung mit Kunst und Literatur, Sprachen, Musik und Theater, Wirtschaft und Technik
· Allen diesen Gebildeten fehlt , obwohl sie das Ideal des Bürgertums verkörpern, die Begegnung mit dem Politischen und das Ziel, eine Gemeinschaft zu gestalten
· Jahrhundertwende: Gefährdung der politischen Ordnung
-> mit 1. Weltkrieg Vernichtung des Kaiserreichs
· Wirkung auf Roman nach 1918 nachhaltig
-> traditionelles Bürgertum existiert nicht mehr als einheitliche Gruppe
-> unterschiedliche soziale Schichten (-> Parteienbildung, links-/rechtsorientiert)
-> Leser erwarten im Roman eine Spiegelung ihrer Welt, ihrer Gedanken und Erfahrungen
· Moderner Roman: 20er, 30er Jahre (Thomas Mann, Franz Kafka, Alfred Döblin, Robert Musil)
-> keine einheitlich strukturierte Welt mehr
-> an Stelle der Welteinheit tritt bestenfalls noch der Erzähler
-> auch diese Person zerfällt unter dem Einfluss der Psychoanalyse, Sprachkrise und politischer Interessenbildung
-> Roman als Spiegel einer zerfallenen Welt (Ich-Zerfall, Expressionismus)
-> Roman als Spiegel der Moderne
2. Thomas Mann: Der Zauberberg (1924) als Beispiel eines Bildungsromans
2.1 Inhalt
· Der Hamburger Hans Castorp besucht seinen lungenkranken Vetter im Lungensanatorium Berghof bei Davos (Luftkurort in der Schweiz)
· Zuerst befremdet über die „hier oben“ herrschende Lebensart, ordnet er sich zögernd in den Kurbetrieb ein
-> will sich nicht verändern, nicht lang bleiben (vgl. S.118/ Z.141ff. KennWort 13)
· Sanatorium auf Profit aus, reißt Patienten aus bürgerlichen Verhaltensweisen, werden in einen Zustand der Zeitlosigkeit und Pflichtvergessenheit versetzt
-> „Man ändert hier seine Begriffe“ prophezeit der Vetter
· Vetter beschreibt Zauberberg als mystische, traumverlorene Welt
-> Gegenbild zu herrschender Ordnung und Disziplin im „Flachland“
· Castorp will zunächst nur drei Wochen in Davos bleiben, eine Erkältung führt zu einer Verlängerung seines Aufenthalts
-> zunehmendes Desinteresse an der Welt im Flachland
· Lodovico Settembrini, Italiener, Aufklärungsoptimist, Republikaner und Humanist drängt ihn zur Abreise
· Castorp verliebt sich jedoch in die Russin Clawdia Chauchat
-> bleibt wegen ihr länger im Sanatorium (spätere Liebesbegegnung nur angedeutet)
· sieben Monate von insgesamt sieben Jahren, die er im Sanatorium verweilt, sind zu diesem Zeitpunkt verstrichen
· Auftreten des Jesuit und Kommunist Leo Naphta
-> Streitgespräche mit Settembrini
-> Beide fühlen sich als Mentoren von Hans Castorp -> konkurrieren um seine Gunst, wollen ihn beeinflussen
· Clawdia reist ab, Settembrini zieht in ein Bergdorf, auch der Vetter verlässt das Sanatorium, kehrt aber zum Sterben wieder zurück
· Castorp langweilt sich, ist möglicherweise depressiv, hört Musik (z.B. Schuberts Lindenbaum)
· „Große Gereiztheit“ , Streitgespräche zwischen Naphta und Settembrini eskalieren
-> Pistolenduell zwischen Naphta und Settembrini -> Naphta tötet sich selbst, Settembrini schießt in die Luft
· Krieg als „Donnerschlag“, der morbides Treiben beendet
-> Bewohner verlassen den Berghof, Castorp zieht mit Kameraden in den Krieg
Der Anfang des Romans sowie eine knappe Inhaltszusammenfassung kann im „KennWort13“ (S. 116-119) nachgelesen werden.
2.2 Merkmale des Bildungsromans
· Bildungsroman setzt sich mit Verhältnis seiner Hauptfigur zu mehreren Weltbereichen auseinander
-> Zauberberg: „Flachland“ und Sanatorium „hier oben“ -> unterschiedliche Lebensarten
· Beeinflussung eines jungen, naiven Menschen durch seine Umwelt
-> trifft auf Hans Castorp zu, der erst nicht lange bleiben wollte und seinen Aufenthalt auf sieben Jahre ausweitet wegen dem neuen Lebenswandel, der im Sanatorium herrscht und auch wegen Clawdia
· Bildungsroman ähnlich Biographie, Bildungsbegriff spielt wichtige Rolle
-> Kapitel „Schnee“: Hans bricht zum Skifahren auf, hat einen Traum, indem Thomas Mann seine Gedanken verfasst und seine Überlegungen über „Tod-Leben“, „Krankheit-Gesundheit“ und „Geist-Natur“ für den Leser niederschreibt
-> Martin Walser (deutscher Schriftsteller) sagt: „Der Roman erzählt, je länger er dauert, desto weniger von Castorp und desto mehr von Thomas Mann“
· Typisch für Bildungsroman auch:
· Castorp verlässt sein Elternhaus und begegnet im Sanatorium Kunst, Politik und der Liebe (verschiedene Bereiche)
· lernt verschieden Ideologien kennen -> Gespräche von Settembrini (Republikaner) und Naphta (Kommunist)
· aber anders als im klassischen Bildungsroman führt die „Erziehung“ auf dem Zauberberg nicht dazu, Hans Castorp in ein tüchtiges und selbstbewusstes Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft zu wandeln, sondern sein Entwicklungsprozess mündet ins Leere
àSoldat im 1. WK, dadurch kein Individuum mehr, Leser erfährt nicht, was mit ihm passiert
· Zauberberg als klassischer Roman umstritten
2.3 Geschichtlicher Zusammenhang
· Roman „Der Zauberberg“ zwischen 1913 und 1924 entstanden
· 1912 verbrachte Thomas Manns Frau mehrere Monate in einem Davoser Lungensanatorium
· Unterbrechung des Schreibens durch 1. WK, der im Zauberberg am Schluss auch gewisse Rolle spielt
· Thomas Mann verarbeitet auch unterschiedliche Ansichten der Bürger in der Weimarer Republik
-> Settembrini und Naphta -> Parteienbildung in der Weimarer Republik
· reflektiert aber auch seine eigenen Gedanken -> wendet sich Demokratie und Weimarer Republik zu
-> äußert sich jedoch skeptisch über die extremen Standpunkte Settembrinis und Naphtas
-> räumt aber ein, dass ihm Settembrini näher stehe als Naphta
(CF)
Hermann Hesse: Siddhartha- Eine indische Dichtung
Inhalt:
- Der Roman Siddhartha handelt vom jungen Bramahnen Siddhartha und seinem Freund Govinda, sie leben ca. 500 v.Chr. in Indien
- Als Asketen durch ihre Stadt ziehen, erwacht in Siddhartha der Wunsch, auf die Reichtümer seiner Familie zu verzichten und sich ihnen anzuschließen
-> Von da an sieht Siddharhta nur noch verächtlich auf schöne und reiche Menschen und junge Frauen
- 3 Jahre ziehen Siddhartha und Govinda mit den Asketen durch das Land und lernen von ihnen
- Nachdem die beiden sie verlassen haben, begegnen sie Gautama, den Buddha
-> Sie erkennen ihn sofort an seiner Ruhe und seinem Auftreten
- Gowinda schließt sich Gautama an und wundert sich, dass Siddhartha es nicht tut
-> Dieser glaubt, dass er das, was er durch Askese suchte, nicht findet, und will seinen eigenen Weg gehen
- Er begegnet der schönen Kamala, die ihn nur nehmen will, wenn er Geld besitzt und schöne Kleidung hat -> Siddhartha bringt es zu Erfolg bei Geschäften und zu viel Geld
- Doch er verliert die Geduld und dieses Leben beginnt ihn anzuöden
->Mit 40 Jahren wendet er sich enttäuscht von diesem Leben ab und zieht fort
- Am Ufer eines Flusses denkt er daran, sich umzubringen
-> Er unterlässt es aber und schläft ein
- Später erzählt er einem Fährmann, dass er bereits als Kind wusste, dass Geld und Reichtum nicht gut sind
-> Siddhartha bleibt beim Fährmann und wird sein Gehilfe
- Als Gautama im sterben liegt, pilgern viele seiner Anhänger zu ihm
-> So auch Kamala mit ihrem Sohn, dessen Vater Siddhartha ist
- Doch Kamala wird von einer Schlange gebissen und stirbt bei Siddhartha, den sie am Fluss trifft
- Der Sohn aber erweist sich verwöhnt und widerspenstig
-> Siddhartha versteht dieses nicht, da er selbst ganz anders ist
-> Der Fährmann weist ihn darauf hin, dass der Sohn nicht freiwillig auf Reichtum verzichtet hat
- Eines Tages stiehlt der Sohn das Geld der beiden Männer und flieht
-> Siddhartha läuft ihm nach, aber der Fährmann holt ihn zurück
- Langsam erreicht Siddhartha die Erkenntnis, was Weisheit sei, und wonach er so lange gesucht hat
-> Es war die Bereitschaft der Seele, den Gedanken der Einheit zu denken
- Das ist der Zeitpunkt für den Fährmann allein in den Wald zu ziehen
- Siddhartha bleibt allein am Fluss
- Govinda erfährt davon und geht zu Siddhartha
-> Verzweifelt fragt er diesen um Rat
- Govinda kommt vor lauter Suche nach der Weisheit nicht zum Frieden
- Siddhartha erklärt ihm, was er darunter versteht
-> “Wissen könne man mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, leben, von ihr getragen werden”
Geschichtlicher Zusammenhang:
- Herrmann Hesse sich in den Jahren um 1921 mit dem Studium Chinas und Indiens
- In Siddhartha setzt er sich mit dem Geist des Ostens auseinander
- Er schuf damit eine prosaische Darstellung aus eigener Sicht
- Viele Namen in seinem Roman sind aus der indischen Kultur entnommen
- Ebenso geht er auf religiöse Vorstellungen des Hinduismus und Buddhismus ein
-> z.B. Siddhartha nach Buddha Siddhartha Gautama
Entwicklungsroman:
- Bezeichnet einen Romantypus, in dem die geistig-seelische Entwicklung der Hauptfigur in ihrer Auseinandersetzung mit sich selbst und mit der Umwelt dargestellt wird
-> Siddhartha ist auf die Suche nach seinem inneren Frieden und der Weisheit
- Schildert den Reifeprozess der Hauptfigur der seine Erlebnisse und Erfahrungen verarbeiten muss und sie in seine Persönlichkeit einschließt
-> Siddhartha zieht durch das Land und erkennt mit der Zeit, was für ihn Weisheit ist
- Aus der Sicht des Lesers muss nicht unbedingt eine höhere Befähigung oder Bildung am Ende der Entwicklung der Hauptfigur stehen
- Häufig behandeln Entwicklungsromane negative Erfahrungen, die die Entwicklung der Persönlichkeit beeinflussen
-> Siddhartha wird durch seine Reise ein anderer Mensch
- Indem der Romanheld “in sich geht” erlangt er die Erkenntnis, dass er unerreichbare Ziele verfolgt und schwere Fehler begangen hat
-> Siddharthas Wunsch nach Weisheit und Frieden scheint ihm unerreichbar zu sein
-> Seine Rückkehr in den Reichtum sieht er im Nachhinein mit Ekel
- Die Eingeständnis schafft die Möglichkeit, umzukehren und einer anderen Richtung zu folgen
-> Siddhartha sieht ein, dass Reichtum nicht das Wahre Leben ausmacht und verlässt die Stadt wieder, um sich der Ruhe und Einfachheit hinzugeben
(ML)
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