Allgemein gesagt ist ein Roman eine Langform der schriftlich fixierten Erzählungen.
Nouvau Roman – der neue deutsche Roman (1950 – 1970):
Gründe der Entstehung:
> Man warf dem konventionellen Roman die Erzeugung einer perfekten Illusion sowie die „Suggestion des Realen“ vor
> Roman sollte sich von der Erzählweise des „realistischen Romans“ entfernen und einer radikalen Formensprache zuwenden
> „Krise des Erzählens“ in den 50er-Jahren
→ Ende der 50er-Jahre: Vorgabemodell stellt der „nouveau roman“ (dt. der neue Roman) aus Frankreich dar
Erscheinungsbild und wichtige Merkmale:
> Wenig Handlung
> Betonung der Dingwelt
> Verzicht auf Figuren im herkömmlichen Sinn → Keine Charakterisierung der Personen
> Möglich neutrale Erzählposition
> Meist Ich-Erzähler, der über sein eigenes Leben berichtet
> Leser muss selbst die undurchdringliche und bedeutungslose Realität mit Sinn füllen
Wichtigste Vertreter:
> Alain Robbe-Grillet
> Nathalie Sarraute
> Uwe Johnson
> Günter Grass
> Max Frisch
> Heinrich Böll
Beispiele:
„Die Blechtrommel“, Günter Grass, 1959
Inhalt:
> Grobe Handlung: Oskar Matzerath befindet sich in einer Heil- und Pflegeanstalt, wo er seine Lebensgeschichte niederschreibt.
> Im 1. Buch schildert Oskar von dem Leben seiner Mutter vor seiner Geburt sowie nach seiner Geburt
> Bei seiner Geburt verspricht ihm seine Mutter eine Blechtrommel zu seinem 3. Geburtstag → spielt in seinem ganzen Leben eine bedeutende Rolle
> Er wächst ab dem dritten Lebensjahr nicht mehr, da er ein 3-jähriger bleiben möchte, und spricht auch während der 1. beiden Büchern mit niemanden ein Wort
> Er hat die „Gabe“ Glas zu zersingen und spielt hauptsächlich auf seiner Trommel
> Oskar geht nicht zur Schule, bekommt aber von einer Bäckerin vorgelesen, wobei er sich Schreiben und Lesen selbst beibringt
> Im 1. Buch verstirbt seine Mutter anhand einer Fischvergiftung
> Im 2. Buch beschreibt er die Zeit des Nationalsozialismus in Danzig, seiner Heimat
> Er ist bei der Bombardierung des Postamtes, an dem sein Onkel arbeitet, dabei, wird jedoch nicht festgenommen, sondern in ein Krankenhaus gebracht
> Im späteren Verlauf des 2. Buches schließt er sich einer Jugendbande an, mit der er aufgrund seiner Gabe viele Diebstähle begeht
> Als sein Vater stirbt, beschließt er, nie wieder zu trommeln, und fortan wieder zu wachsen, was ihm jedoch große Schmerzen bereitet
> Im 3. Buch fängt er nun an mit seinen Mitmenschen zu sprechen und hat nun eine Größe von ca. 1,20 m
> Er beginnt eine Ausbildung bei einem Steinmetz und bezieht eine kleine Mietswohnung
> Viele Kunststudenten interessieren sich für ihn als Modell, wodurch er viel Geld erhält
> In dem Haus seiner Wohnung lernt er Klepp kennen, mit dem er eine Band gründet und nun auch wieder Trommel spielt
> Am Ende des Buches wird er aufgrund merkwürdiger Verwicklungen des Mordes an einer Bekannten angeklagt und zu dem Aufenthalt in einer Nervenklink verurteilt → dort sitzt er auch noch immer im Alter von 30 Jahren und hat Angst vor einer Entlassung (Bezug auf den Anfang, wo er in der Nervenanstalt sitzt)
Merkmale des „neuen Romans“:
> Autobiographische Züge (Ich- Erzähler schildert seine Lebensgeschichte)
> An sich kein Sinn in der Handlung → Leser muss selbst einen Sinn in das Erzählte hineininterpretieren (Das Verhalten Oskars oder manche Zusammenhänge werden nicht geklärt)
> Personen werden kaum beschrieben
> Die Hauptrolle spielt die Handlung, nicht die beteiligten Personen
> Es wird auch nicht von den Gefühlen gesprochen, sondern sachlich und neutral die Lebensgeschichte von Oskar geschildert
„Mutmaßungen über Jakob“, Uwe Johnson, 1959
> Der Roman Mutmaßungen über Jakob nimmt seinen Titel mehrfach beim Wort
> Er beginnt mit "Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen“
> Schon bald vermutet man, daß Jakobs Gang quer zu den Gleisen sein letzter war
> In Dialogen und Monologen – deren Urheber man nicht kennt und aus dem Text mutmaßen muss – und Berichten erfährt der Leser mehr aus Jakobs Leben
> Durch ständigen Perspektivenwechsel ist der Leser immer gefordert, seine eigenen Vermutungen anzustellen und zu korrigieren
> Die Texte erhellen nicht immer und sind nur grob chronologisch sortiert. Auch hier muss man sich auf Mutmaßungen einlassen
> Und schließlich haben auch die handelnden Personen rund um Jakob oft nur Vermutungen über ihn und ihre Lebensumstände. Nicht nur der Leser kann nicht wissen, wer Recht hat; keiner kann es
> In Johnsons Roman gibt es keinen Schiedsrichter. Verlass ist auf wenig
> Der Roman spielt im östlichen und westlichen Deutschland des Jahres 1956. Der Ungarnaufstand greift über viele Grenzen hinweg ins Geschehen ein. Mutmaßungen über Jakob wurde 1959 veröffentlicht, sehr gut aufgenommen und erzeugte doch in Ost wie West Protest: ein gutes Zeichen. Obwohl es ein Arbeiterroman ist, gefiel der DDR die zentrale Rolle der Staatssicherheit nicht. Heute weiß man, dass der Staatssicherheitsdient sehr realitätsnah geschildert ist.
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