Freitag, 18. Februar 2011

Von der Oper zum epischen Theater

Oper

Der Begriff „Oper“ kommt aus dem italienischen „Opera in musica“ und kann mit den Worten „musikalisches Werk“ übersetzt werden. Entstanden ist die Oper Ende des 16. Jahrhunderts, wobei sie seit 1639 als musikalische Gattung des Theaters bezeichnet wird. Bei der Oper werden szenisch-dramatische Handlungen durch Musik dargestellt. Zu einer Oper gehören verschiedene Elemente. So zum Beispiel die Musik, welche durch das Orchester dargestellt wird, sowie Dichtung, Schauspiel, Ballett, Bühnenbild, Beleuchtung, Maske und Kostüme. Vor allem die Musik ist der Träger der Handlung. Durch sie werden verschiedene Stimmungen und Gefühle ausgedrückt. Da in der Musikgeschichte verschiedenste Künste zusammengewirkt haben zeichnet sich die Oper durch viele verschiedene Ausprägungen aus.

So sind Opern außerdem von der Formvielfalt der verschiedenen Kompositionsstile und individuelle Lösungen der Komponisten geprägt. Die erste deutsche Oper, die (verschollene) Daphne von Heinrich Schütz entstand 1627. Insgesamt kann man sagen, dass es keine allgemeingültige Formel für die Struktur einer Oper gibt.

Oftmals ist es schwer zu unterscheiden zu welchen Stil ein Theaterstück gehört, so steht die „Dreigroschenoper“ von Weill dem Schauspiel näher, Brechts Werk „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ dagegen der Oper.

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Das Werk Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny fällt unter die Gattung Oper und ist in drei Akte unterteilt. Der Text stammt von Bertolt Brecht. Musikalisch unterlegt wird dieses Stück durch Musikstücke von Kurt Weill. Uraufgeführt wurde die Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ am 09. März 1930 in Leipzig. Die Handlung spielt in einer fiktiven Stadt namens Mahagonny in Nordamerika.

1. Akt

- Gauner Leokadja Begbick, Fatty und Dreieinigskeitsmoses wegen Betrug/Kuppelei gesucht, sind auf der Flucht

- Auto bleibt in einer einsamen Gegend stehen → sie beschließen dort eine Stadt zu gründen

- In der Stadt ist alles erlaubt → großer Zuwachs

- Mädchen namens Jenny lässt sich mit ihrer Begleitung dort nieder

- 4 Holzfäller aus Alaska (Jim Mahoney, Jack, Bill und Joe), welche in Alaska viel Geld verdient haben, kommen auch in Mahagonny an

- Leokadja(eine Gründerin der Stadt) schickt Mädchen Jenny zu den 4 Holzfällern, welche diese beklauen soll

- Jedoch verliebt sich Jim(Holzfäller) in Jenny

- Während des Aufschwungs der Stadt kommt es zu einer Krise → viele verlassen die Stadt

- Leokadja muss bleiben, weil sie gesucht wird und Jim der die Stadt verließ kommt wieder zurück

- Hurrikan nähert sich Stadt → erneuter Notstand; Jim denkt aber nur an die Tatsache das in Stadt alles erlaubt ist → er hat seiner Meinung nach sein höchstes Glück hier gefunden

2. Akt

- Hurrikan hat die Stadt verschont

- Jim’s Motto „Nichts ist verboten, alles erlaubt und käuflich“ hat Anhänger gefunden → Hochkonjunktur → Saufen, Huren, Sport als Lebensinhalt

- Joe wird bei Preisboxen von Dreieinigkeitsmoses erschlagen → keine Reaktion der Bewohner

- Jim hat durch Joe’s Tod kein Geld mehr, da er auf ihn gesetzt hat → kann Zeche nicht zahlen

- Freunde wollen oder können ihm nicht helfen → Joe wird eingesperrt

3. Akt

- Tobby Higgins des Mordes angeklagt → Freiheit durch hohes Lösegeld

- Jim wegen Zechprellerei und Diebstahl zum Tode verurteilt, da Geldmangel in Mahagonny als todeswürdiges Verbrechen gilt

- Vor Hinrichtung bekennt er sich zu seinen selbst gepredigten Prinzipien, verabschiedet sich von Jenny → wird getötet

- Leben in Mahagonny wird immer hemmungsloser → ihr Fall ist nicht mehr aufzuhalten


Das epische Theater nach Brecht

Das epische Theater geht in seiner Form auf Bertolt Brecht zurück. Nach dem 1.Weltkrieg war das Theater sehr vom Expressionismus geprägt und auch die Autoren die sich von ihm abwendeten blieben in Stil und Bühnengestaltung dennoch der expressionistischen Literatur verpflichtet. Die Abkehr und den letzten Höhepunkt dieser Epoche gestaltete Brecht mit seinem Werk "Baal".
In "Mann ist Mann" nahm Brecht 1926 erstmals ideologische Elemente auf, indem er versuchte die Welt im marxistischen Sinne als veränderbar zu interpretieren. In dieser veränderbaren Welt muss der Mensch nun also zum aktiven Gestalter werden - Ziel des epischen Theaters ist es, den Zuschauer zur aktiven Teilnahme an den Problemen des Stückes zu motivieren.

In seiner "Dreigroschenoper" nähert Brecht sich der Idee Richard Wagners von einem Gesamtkunstwerk an. Jedoch interpretiert er diese ganz anders. Wagner wollte alle Künste zu einer gemeinsam wirkenden Einheit verschmelzen, während Brecht darauf abzielte durch das Neben- und Gegeneinander der Kunstformen Wiedersprüche aufzudecken und zu verhindern, dass der Zuschauer sich mit den handelnden Figuren identifizieren kann. Auch wollte er damit Erkenntnisprozesse im Sinne des Marxismus beschleunigen.
Mackie Messer (Dreigroschenoper) - eine moderne Version von "The Slut", einer Band aus Ingolstadt und die ältere Version.


Das epische Theater nach Brecht steht trotz aller Unterschiede nicht im kompletten Gegensatz zum dramatischen Theater, jedenfalls verstand Brecht selbst es nicht so. Für ihn waren es nicht "absolute Gegensätze, sondern lediglich Akzentverschiebungen". Trotzdem stellt das epische Theater einen Eingriff in das System des geordneten Theaters dar. Das epische Theater soll zwar erzählend sein, aber den Zuschauer nicht in eine Geschichte hineinversetzen, sondern ihn dazu bringen, selbst aktiv zu werden, eigene Entscheidungen zu treffen und sich mit dem Gezeigten gegenüber zu stellen. Die Schauspieler sollen in ihrer Darstellung auch vermeiden sich selbst mit ihrer Rolle zu identifizieren und sich in sie hinein zu versetzen. Brecht verlangte von ihnen vielmehr ständige Reflexion, der Schauspieler sollte die Handlungen des Charakters zeigen und gleichzeitig bewerten. Brecht folgte dabei der Prämisse Karl Marx', nach der das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt. Eine wesentliche Methode dabei ist die Verfremdung, auf welche später genauer eingegangen wird.
Das epische Theater sollte allerdings auch in einem gewissen Sinne unterhaltsam sein, in dem Sinne, dass Produktivität Unterhaltsamkeit darstellt. Der Aspekt der Unterhaltung bestand für Brecht also in der Aktivität des Zuschauers, der allerdings auch zuhörte. Das Konzept der Episierung wurde von Brecht deshalb auch auf die Musik übertragen, der dafür die Bezeichnung Misuk schuf.

Als Marxist verstand Brecht seine Dramen als "Instrument der Aufklärung im Sinne einer revolutionären gesellschaftlichen Praxis" und beging somit mit seinem Theater in Teilen einen Bruch mit den vorherigen Theaterkonzeptionen. Sein Ziel war es aufzuklären, dazu müsse beim Zuschauer allerdings zuerst ein Denkprozess ausgelöst werden. Dazu musste sich dieser aber erst der Illusion des Theaters bewusst werden und dürfte sich nicht , wie in der klassischen Theatertheorie gefordert, von der Handlung gefangen nehmen lassen, mit dem Protagonisten Mitleid empfinden, das Geschehene als individuelles Schicksal empfinden und als solches hinnehmen. Er sollte sich vielmehr fragen, wie etwas an den Dargestellten Missständen geändert werden könnte und das Dargebotene als Parabel auf allgemeine gesellschaftliche Verhältnisse sehen. Brechts Dramentheorie ist eine politische Theorie, er versteht seine im Exil geschriebenen Stücke als Versuche für ein neuartiges Theater, das "Theater des wissenschaftlichen Zeitalters".

Brecht wollte also ein analytisches Theater, welches den Zuschauer zum distanzierten Nachdenken und Hinterfragen anregt. Um das zu erreichen verfremdete er das Spiel absichtlich, um es gegenüber dem wirklichen Leben auch als Schauspiel erkennbar zu machen.

Für Brecht standen das Theater und die Gesellschaft in einem ständigen Austausch und einer Wechselwirkung zueinander. Das Theater sollte die Gesellschaft wiederspiegeln und das im Theater Gesehene sollte den Zuschauer dazu anregen, über die Gesellschaft nachzudenken. Dieser Denkprozess sollte gesellschaftliche und politische Veränderungen in Gang setzen, weil der Zuschauer nicht mit den gegebenen und gezeigten Zuständen zufrieden ist und rebelliert - so Brecht. Er sah das Theater auch nicht in seiner gemeinhin elitären Stellung für die Oberschicht, sondern als Lehrstück insbesondere für das Proletariat.


Verfremdungseffekt (V-Effekt) – und seine Varianten

Der Verfremdungseffekt, auch V-Effekt genannt, ist ein literarisches Stilmittel und der Hauptbestandteil des Epischen Theaters nach Bertolt Brecht. Die Handlung wird hierbei durch Kommentare/Lieder so unterbrochen, dass jegliche Illusion des Zuschauers zerstört wird. Somit kann der Zuschauer eine kritische Distanz zum Dargestellten einnehmen. Der V-Effekt will dem Betrachter vertraute Dinge in einem neuen Licht zeigen und so Widersprüche der Realität sichtbar machen.

Varianten:

- Handlung durch Kommentare unterbrochen oder durch Figuren die aus der Rolle treten und sich ans Publikum wenden, um mit ihnen das Geschehene zu diskutieren

- Alternative Handlungsmöglichkeiten werden aufgezeigt, die Protagonisten unter anderen Umständen offengestanden hätten → Zuschauer sieht Mensch auf der Bühne nicht mehr als den dem Schicksal hilflos Ausgelieferten und Unveränderbaren → Mensch ist durch die Situation so geworden, aber man kann ihn sich auch so vorstellen wie er sein könnte

- Stilisierte Sprache: zum Teil in Versen gesprochen oder einzelne Szenen/Spruchbänder vorangestellt → Aufmerksamkeit des Zuschauers wird auf Art und Weise wie Handlung vorangetrieben wird gelenkt und nicht auf den Verlauf des Stücks

- Bühnengestaltung oft sparsam, wenig Requisiten, Straßenkleider anstatt zeitgemäßer Kostüme

- Schauspieler müssen Distanz zur Rolle wahren → Protagonist keine Identifikationsfigur → Vermeidung einer Beeinflussung des Zuschauers, Beweggründe des Protagonisten werden so kritisch betrachtet

- Figuren haben oft gleichnishaften Charakter, „Niemand“- oder „Jedermann“- Gestalten → beliebig austauschbar + folgen exemplarischen Verhaltensweisen

- Kaum Emotionen, werden vom epischen Theater von außen untersucht

- Konfrontation mit zeitgenössischen und gesellschaftspolitischen Problemen, diese meist Grund für das Handeln → Ziel: Aktivierung des Zuschauers zum Eingreifen in Politik/Gesellschaft

- Erzählweise weder linear noch chronologisch, sondern in Kurven

- Weitere Mittel: Chor als Kommentator, Verwendung von Schildern/Songs oder Filmsequenzen

- Verwendung von Dialekten wird auch als V-Effekt gewertet