Montag, 14. Februar 2011

Zeitkritik im literarischen Kabarett

Zeitkritik im literarischen Kabarett

Definitionen:

Kabarett:

Das Kabarett ist eine Form der Kleinkunst, in der Darstellenden Kunst (z.B. schauspielerische Szenen), Lyrik und/oder Musik miteinander verbunden werden. Kabarett ist in seiner Motivation gesellschaftskritisch, komisch-unterhaltend und/oder künstlerisch-ästhetisch.

Literarisches Kabarett:

Unter dem literarischen Kabarett versteht man im Speziellen die Entfaltung einer einzigartigen Kultur, deren Beginn sich nach dem Niedergang der Monarchien, verstärkt aber nach dem ersten Weltkrieg einordnen lässt.

Vorläufer des literarischen Kabaretts und Namensherkunft:

  • Cabaret (frz.) = Wirtshaus / Schenke
  • Erstes Kabarett „Le Chat noir“ wurde 1880 in Paris eröffnet
  • Seit 1881 im Pariser Künstlerviertel Montmartre etabliert
  • Orientierung am Varieté
  • Kennzeichen: Verspottung des Bürgertums, Propaganda für sexuelle Freiheit, Gelächter über demokratische und monarchische Politik, Kultivierung der eigenen Lebensform

Entwicklung des literarischen Kabaretts:

  • Über Wanderbühnen wurde das Kabarett von Frankreich aus nach ganz Europa gebracht.
  • Die damals verbreiteten satirischen Zeitschriften, wie „Simplicissimus“ förderten die Entwicklung des Kabaretts innerhalb Deutschlands und dienten als Vorbilder.
  • Holger Dachmann und Otto Julius Bierbaum gründeten 1890 das erste deutsche Kabarett „Momus“.
  • 1901 eröffnete Ernst von Wolzogen in Berlin das „Überbrettl“.
  • Im selben Jahr wurde in München das Kabarett „Elf Scharfrichter“ gegründet.
  • In den folgenden Jahren entstanden unter anderen „Die Brille“, „Zum Peter Hille“ und „Fledermaus“.
  • Durch die strikte Zensur in der damaligen Zeit konnten sich die meisten Kabaretts jedoch nicht etablieren und verschwanden zunehmend.
  • Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde die Zensur auf Theater und Kabarettprogramme aufgehoben, sodass die Kabarettisten nun auch auf aktuelle politische Entwicklungen und die soziale Situation der Menschen eingehen konnten. In dieser Zeit blühte das deutsche Kabarett erstmals auf.
  • Das Kabarett der 20er Jahre setzte sich aber durch einen veränderten Stil von seinen Vorgängern ab.

Vorher:

  • Literarische Formen für Literaten, Kenner und Künstler
  • Freude der Kabarettisten am ästhetischen Reiz

Nachher:

  • Unvorgebildetes Publikum
  • Vordergründige Pointen

  • Auch bekannte Autoren, wie Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz, Erich Kästner und Christian Morgenstern verfassten Stücke für das Kabarett.
  • Bevorzugte Themen waren Kulturkritik, ironische Analyse der Zeitereignisse, Erneuerungsideen und sentimentale Natursehnsucht.

Erich Kästners „Handstand auf der Loreley“ als Beispiel ironischer Zeitkritik im Kabarett:

Der Handstand auf der Loreley
Nach einer wahren Begebenheit 1932

Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen,
ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen,
wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen,
von blonden Haaren schwärmend, untergingen.

Wir wandeln uns. Die Schiffer inbegriffen.
Der Rhein ist reguliert und eingedämmt.
Die Zeit vergeht. Man stirbt nicht mehr beim Schiffen,
bloß weil ein blondes Weib sich dauernd kämmt.

Nichtsdestotrotz geschieht auch heutzutage
noch manches, was der Steinzeit ähnlich sieht.
So alt ist keine deutsche Heldensage,
daß sie nicht doch noch Helden nach sich zieht.

Erst neulich machte auf der Loreley
hoch überm Rhein ein Turner einen Handstand!
Von allen Dampfern tönte Angstgeschrei,
als er kopfüber oben auf der Wand stand.

Er stand, als ob er auf dem Barren stünde.
Mit hohlem Kreuz. Und lustbetonten Zügen.
Man frage nicht: Was hatte er für Gründe?
Er war ein Held. Das dürfte wohl genügen.

Er stand, verkehrt, im Abendsonnenscheine.
Da trübte Wehmut seinen Turnerblick.
Er dachte an die Loreley von Heine.
Und stürzte ab. Und brach sich das Genick.

Er starb als Held. Man muß ihn nicht beweinen.
Sein Handstand war vom Schicksal überstrahlt.
Ein Augenblick mit zwei gehobnen Beinen
ist nicht zu teuer mit dem Tod bezahlt!

P.S. Eins wäre allerdings noch nachzutragen:
Der Turner hinterließ uns Frau und Kind.
Hinwiederum, man soll sie nicht beklagen.
Weil im Bezirk der Helden und der Sagen
die Überlebenden nicht wichtig sind.


Erich Kästner

Loreley

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldnes Haar.

Sie kämmt es mit goldnem Kamme,
Und singt ein Lied dabey;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodey.

Den Schiffer, im kleinen Schiffe,
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh'.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Loreley getan.

Heinrich Heine













Mit der Absicht zu Kultur- und Zeitkritik verfasste auch Erich Kästner einige Stücke für das literarische Kabarett, indem er mit ironischem, frechem und teilweise umgangssprachlichem Unterton auf gesellschaftliche Entwicklungen eingeht.

In seiner 1932 entstanden Ballade „Der Handstand auf der Loreley“ nimmt er Bezug auf vorangegangene Werke beispielsweise von Heinrich Heine und Clemens Brentano, die sich ebenfalls mit der Sage um die Loreley befassen.

So bezieht sich Kästner bereits in der ersten Strophe auf Heines Gedicht, indem er die Loreley parodiert, also übertrieben nachahmt und als tatsächliche Figur der Vergangenheit darstellt. Mit dem Adverb „früher“ (V. 3) grenzt er das in Heines Gedicht erzählte Geschehen von der damaligen Gegenwart ab: Die Verhältnisse ändern sich (V. 5 f.), die Zeit vergeht (V. 7).

Am Anfang der zweiten Strophe schafft er einen Übergang vom Vergangenen hin zur damaligen Gegenwart, um schließlich in der dritten Strophe zu erklären, was die eigentliche Intention des Sprechers ist: Trotz des genannten Wandels gebe es immer „noch manches“, was trotz der gesellschaftlichen Veränderung geblieben ist. Durch die Konnotation der Zeitangabe „Steinzeit“ werden diese Überreste als überholt, sozusagen „unmöglich“ bewertet, somit also kritisiert.

Trotz scheinbarer Entwicklung sind die Menschen im Innern immer noch die alten Affen; anders gesagt: Sie wollen Helden werden. Er interpretiert demzufolge den Unfall eines Turners an der Loreley ironisch als Beispiel falsch verstandenen deutschen Heldentums.

In der sechsten Strophe hat das Gedicht schließlich seinen Höhepunkt im tödlichen Absturz des leichtsinnigen Turners. Hier macht sich die Ironie Kästners bemerkbar, denn es ist im Gegensatz zum Heine-Gedicht nicht die Erscheinung der Loreley, die die Menschen ins Verderben stürzt, sondern das leichtsinnige Streben, als Held zu gelten.

Die letzte Strophe wirkt durch das einleitende P.S. angefügt, macht aber gleichzeitig Kästners ironische Haltung gegenüber dem Loreley-Mythos deutlich.


Kabarett heute:


Da sich das Kabarett seit den 20er Jahren in Deutschland trotz der anfänglichen Schwierigkeiten etablieren konnte, reicht diese Kultur bis in die Gegenwart, was die Vielzahl an deutschen Kabarettisten belegt. (http://komiker.ideenfarm.de)